Irgendwie war es nicht dunkel genug für diese Band. Als Der Singende Tresen am Samstagmittag um halb zwei die Bühne am Drususstein betraten, herrschte pralle Mittagshitze. Die Leute lümmelten auf dem Rasen und an den Hängen herum und schienen nicht ganz begeistert von der Berliner Tragik, die die fünf Wahlpreußen verströmen. Schon das erste Lied der Band geht um ein „kleines Dorf in Brandenburg“ und erzeugt mit Klarinettentönen Klezmergefühle. Die Frontfrau Marja Präkels gibt dem Ganzen Stimme und Gesicht: Ihr harsches Organ und die geschickt platzierte Berliner Schnauze lässt von Anfang an die Vorbildschaft von Kurt Weill und Bertolt Brecht erahnen. Ihre Erscheinung ist burschikos: Groß, schwarze Melone auf den blonden Locken, schwarze Weste, lakonischer Blick. Bald ihr Lieblingsthema: Berlin an sich.
Kleinigkeiten gibt’s bei Minimal
In der Ansage nennt die Sängerin den Anlass für die Entstehung des Liedes „Alexanderplatz“: Die Eröffnung eines neuen Mediamarktes, dessen Scheiben aufgrund des Andrangs eingedrückt wurden. Da ist die Rede von den „neuesten Normen“ und dem „ersten Test der Uniformen“: Konsum als Vorbote des Faschismus. Brecht, sag ich doch. Später dann noch das Lied „Kleinigkeiten“, in dem es heißt: „Kleinigkeiten gibt’s bei Minimal.“ Irgendwie wird man dann ganz beklommen, weil man auf so einem Festival doch das Kleinbürgertum aus dem Schädel verdrängen will. Man kapiert, dass das alles da auf der Bühne Provinzflüchtlinge sind, denn in den Texten ist so viel Liebe zum Detail und zur Gemächlichkeit. Oft werden der „Jutebeutel“ oder „Omas Hausgeräte“ evoziert und einer der Highlights ist das bissige Lied „Das Fest“, in dem es heißt: „Die halbverweste Blutsverwandtschaft/macht heut mit sich selbst Bekanntschaft“. Diese Menschen haben dröge und verlogene Provinzfamilienfeste zur Kunst gemacht.
Feines, poetisches Liedermachen
Eigentlich geht es dem Tresen ja gut: 2005 wurde ihre erste CD „Sperrstundenmusik“ zur CD des Monats der Liederbestenliste gewählt. Der Titelsong des Nachfolgers 2007, „Clowns im Regen“, landete auf Platz eins der Liederbestenliste. Die Band ist zusammen auf Tour mit dem Kabarettisten Markus Liske, der auch bei der aktuellen CD „Kein Teil von Etwas“ mitgewirkt hat. So folgt denn auf dem Drususstein dessen Monolog mit Musik: „Der Flaschenmann“. Auch hier urdeutsche Realität: Ein Flaschensammler in Berlin kommt vom Osten in den Westen und urteilt zwiespältig: „Die saufen ja weniger im Westen, aber die arbeiten mit. Manchmal stellen se die Flaschen ja oben auf den Mülleimer drauf.“ Ein offener Brief von Michael Liske an: „Gott, Lieber“ beinhaltet schließlich das ultimative Motto des diesjährigen Open Ohr: „Allahlujahjehovashiva!“ So bilden Liske und der Singende Tresen auf der Bühne eine düster-satirische Dialektik. Zeilen wie „Träume aus Glas greifen dir ins Genick“ zeigen schließlich wieder, dass der Tresen für feines, poetisches Liedermachen steht. Und die nächste Dunkelheit kommt bestimmt…