Der Sound des Nordens

Wir frieren hier bei 8° C, Regen und Wind. Fünf Tage Sommer? – Kann hier im Norden schon sein. Die Durchschnittstemperatur beträgt immerhin 10° C in der „warmen“ Jahreszeit. Schuld ist natürlich der Golfstrom. Pfui uff so Sache! Aber – ohne den Golfstrom wäre die Küste hier wohl vereist. Also lieber nicht so laut klagen…

Lieber also warme Gedanken machen. Stoltenberg bleibt NATO-Chef. Ein Glück! Der Golfstrom nimmt nicht ab. Puh! Dieses Jahr kommen mehr Touristen ans Nordkap als letztes Jahr. Juhu! Die Preise hier in Norwegen sind um ca. 1,5 % gefallen. Uff!

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Da ich gerade ein bisschen erkältet bin, lenke ich mich vom Ernst des Lebens ab. Was gäbe es dafür besseres als Musik? Bei meinen Recherchen zu Norwegen, dem Universum und allem höre ich viel Radio. Was hat Norwegen musikalisch zu bieten?

Der altehrwürdige Liedermacher Lillebjørn Nilsen, heute in seinen Siebzigern, singt hier über die Tante von Beate, die Tauben füttert und zuhause Platten von Django Reinhardt hört.

Dann gab es noch die linke Revue-Gruppe „Tramteatret“, die in dem folgenden Lied über die hohlen Phrasen der Politiker im Storting (dem norwegischen Parlament) singen. Am Bass mein Onkel Billy Johannsson, der leider 2007 viel zu früh gestorben ist.

Billy ging dann schließlich zum Film und wurde Bühnenbildner. Er hat tolle Filme wie „Kitchen Stories“ und „I Am Dina“ gemacht. Ein echter Gesamtkünstler.

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Über 500 000 Menschen reisen pro Jahr mit der Schiffslinie „Hurtigruten“ die norwegische Küste hoch und runter. Viele davon kommen auch hier vorbei, wir haben jeden Tag ein bis zwei Schiffe hier in Honningsvåg und dementsprechend Arbeit.

Auch die Grande Dame des norwegischen Liedes, Kari Bremnes, singt über dieses wohl berühmteste Verkehrsmittel in Norwegen. Sie selber kommt von den Lofoten und transportiert in ihrer Musik viel von der Atmosphäre hier im Norden.

Aber einer der coolsten Liedermacher ist der lakonische „Tønes“, der oft über Alltagssituationen singt und immer diesen leisen Pessimismus und die Melancholie hat, die so „nordisch“ klingt. Im folgenden Lied singt er darüber, dass er eine Party verlässt und schlafen geht, und, nein, sie könnten ruhig weiterfeiern, kein Problem, nur vielleicht ein bisschen leiser, weil es ja wichtig sei, seinen Schlaf zu kriegen…

Tønes – Eg går å legge meg

Aber dann gibt es eben auch die Sami, die seit den 1970er-Jahren immer sicht- und hörbarer werden. Vorher hatte es Norwegen nicht immer gut mit ihnen gemeint. Hier in der nördlichsten (alten) Provinz Finnmark ist die Bevölkerung recht durchmischt. Viel wird getan, um die schmerzhafte Geschichte aufzuarbeiten.

Seit 1989 ist Mari Boine Pionierin in der Verbindung des traditionellen samischen Joik-Gesanges mit populärer Musik. Ihr Lied „Gula Gula“ war Durchbruch und Hymne für diese Art von Fusion.

Mari Boine – Gula Gula

Mari Boine kommt aus Karasjok, etwa 170 km weiter südlich von Honningsvåg, wo ich derzeit weile.

Natürlich gibt es eine Menge verrückter, krasser, poppiger und/oder experimenteller Musik in Norwegen, aber das spare ich mir für einen späteren Post auf…

Kühle Grüße in den heißen Süden!

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Von Benjamin

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