Juli und August standen im Zeichen der Arbeit. Was soll man auch sonst machen am Ende der Welt? – Es ist zum Rentieremelken.
Aber im Juli gab es richtiges Sommerwetter. Wir brutzeln bei 25 ° C in der Sonne. Einige Male helfe ich in Hammerfest (s. Bilder) beim Touriführen aus. Gerade als ich beginne, mich zu langweilen, wird mir klar: Es macht nur weiter Spaß, wenn es auch Spaß ist. Also feile ich an meinen Witzen.




Den Anfang macht eine Gruppe aus der Schweiz. Ich greife tief in die Böse-Witze-Kiste. Die Deutschen hätten den Massentourismus in Norwegen erfunden (in Anspielung auf die Besatzung im Zweiten Weltkrieg; übrigens ein Witz, den mir ein Norweger ans Herz gelegt hat); was heute das Adidas-Logo ist, war damals dieses komische Kreuz da…
Dann, an einem anderen Tag, die etwas längliche Erzählung, dass die ersten Spuren menschlicher Aktivität auf Magerøya (der Nordkap-Insel) 10 000 Jahre alt seien; und dass in der Finnmark-Provinz (der Nordprovinz) lauter Steinzeichnungen existieren, die ca. 6000 Jahre alt sind. Irgendwie lasse ich einfließen, dass ich Künstler bin und mich schon Leute anwerben wollten, auf der Insel als Kunstlehrer zu arbeiten. Aber ich wüsste einfach nicht, ob ich mit Leuten arbeiten wollte, die 4000 Jahre gebraucht haben, um Zeichnen zu lernen.
A propos Steinzeichnungen: Tatsächlich gibt es in Kvalsund einen Supermarktparkplatz, auf dem man zwei Steine mit solchen Bildern sehen kann (s. Bilder). Die Motive sind ein Mensch, ein Rentier, ein Wal und ein Boot. Vielleicht stammen diese Zeichnungen aber ja auch von Rentieren, die Menschen usw. porträtiert haben, und sie haben sich dann zivilisatorisch zurückentwickelt.



Ich freunde mich mit einigen Busfahrern an, die auch so einiges zu erzählen haben. Einer hat sein Leben lang in der Fischindustrie geschuftet, ein anderer ist bei den Zeugen Jehovas und erzählt mir, wie er die besondere Geologie Magerøyas (s. Bilder) aus der Sintflut erklärt. Hm. Der selbe Mann ist aber ein wahrer Springquell humoristischer Anmerkungen und Anekdoten.



Am meisten gefällt mir seine Bemerkung zum Saufen im Norden. Jede*r weiß, dass der Alkoholkonsum im Norden wegen des speziellen Klimas sehr hoch ist. Doch der Fahrer klärt uns auf, dass die Regeln zum Trinken im Winter sehr strikt sind: Es darf erst nach Einbruch der Dunkelheit gebechert werden…
Und wieder hat der norwegische Staat klug gehandelt: Genau wie beim Öl, hat er auch den Alkoholverkauf nie aus der Hand gegeben. Und so wachsen auch – ganz erwartungsgemäß – meine Ausgaben für Alkohol zum zweit- bzw. drittgrößten Posten an. Denn ich führe penibel Buch darüber, wie viel das Leben kostet hier im hohen Norden. Kein Wunder, ein Bier kostet in der Kneipe um die 100,- NOK, also locker 9 EUR; ein Liter Wein aus dem Laden zwischen 150 und 250 NOK, also 13-23 EUR. Autsch.
Aber was soll man erwarten von einem Land, in dem „avholdsbevegelsen“, also die Antialkoholiker, eine echte politische Macht darstellten, in (un-)heiliger Allianz mit der Kirche, versteht sich.
In Finnmark mussten sie alle Waffen auffahren: Das Fischerdorf Gjesvær auf Magerøya hat im 19. Jahrhundert eine Kirche gekriegt – aus dem einfachen Grund, dass die Leute zuviel soffen.




Also lieber arbeiten, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen, und zu viel „Geld auszugeben“. Endlich läuft das „Sámi Adventure“ an, das die Firma seit Kurzem vermarktet. Hier geht es um die Rentiersamen, die wohl am bekanntesten sind – obwohl immer nur 5-10 % der Samen Rentiere hielten. Eine samische Frau erklärt uns also etwa, dass die Samen im „lavvo“ (Zelt) gewohnt haben und praktisch die ganze Zeit draußen waren. Dementsprechend mussten sie gut gekleidet sein. Ein anderer Same, den wir regelmäßig besuchen, lobt mich dafür, dass ich fast immer meine Jacke trage. Das sei ganz nach Samenart.
Dieses Volk hat ursprünglich alle Kleidung und Gebrauchsgegenstände selber hergestellt. Auffällig ist die „kofte“, also das Wams, das oft leuchtend blau und rot gestaltet ist. Dann gibt es noch die Mützen in den gleichen Farben. Dieses Outfit ist unterschiedlich, je nachdem, wo die Menschen herkommen. Auch der Same beweist Humor: Seine Mütze sei aus Karasjok, was 250 km weit weg liegt. Sie habe vier Spitzen, die die vier Himmelsrichtungen bedeuten. Wenn er also mit seinen Rentieren nach Norden ziehe, müsse er nur die Spitze für Norden nach vorne drehen, dann komme er automatisch nach Magerøya…
Die Samen haben nicht immer etwas zu lachen gehabt, wurden sie doch bis in die 1960er-Jahre vom norwegischen Staat unterdrückt: Die jeweiligen Sprachen (es gibt sechs) waren verboten, Kinder mussten in Internaten Norwegisch lernen, der Grunderwerb war für sie erschwert. Eltern haben ihre Kindern Sprache und Gebräuche nicht gelehrt, weil sie es als aussichtslos ansahen. Erst seit den 1970er-Jahren gibt es eine „Renaissance“ der Samen mit politischen Bewegungen und Aufarbeitung. Kurz nachdem ich in Honningsvåg ankam, erschien der offizielle Bericht der norwegischen Regierung zur „fornorsknings-„, also der Assimilations-Politik gegenüber diesem Volk. Seit Kurzem sind die Samen im Grundgesetz als die Urbevölkerung Norwegens verankert. All dies sind Meilensteine der geschichtlich-politischen Aufarbeitung.
Auch viele der Busfahrer*innen sind Samen, zwei sind Lehrer, einer ist Finanzberater. Eine samische Busfahrerin hatte es mir besonders angetan, aber leider haben wir uns aus den Augen verloren. Noch mehr Zeit und Grund zum Geldausgeben. Aber hey, was ist besser: einsam zu sein oder einsam in Norwegen zu sein?

A propos: Norwegen ist das zweitunbeliebteste Land (Nr. 58 von 59) unter ausländischen Arbeitskräften. Besonders schwer sei es der betreffenden Studie zufolge, soziale Kontakte zu knüpfen. Also höchste Zeit, wieder nach Deutschland zurückzukehren – auch weil man dort mehr… Zeug für sein Geld kriegt! Wobei das Land der Piefkes auf Platz 52 des Beliebtheitsrankings liegt, aus den gleichen Gründen…
Prost! Skål!





