Tromsø und Oslo oder: Das Ende eines Norwegenreisenden

Und dann kam Tromsø. Das erste Mal wieder Menschen auf den Straßen! – Ein ganzes Volksfest wurde für meine Rückkehr in die Zivilisation gefeiert. Ich verberge mich in einem Hauseingang, der nach Hundepipi riecht. Menschen (s.u.)!

Der Rest des Landes ist leer, wenn ein Straßenfest im Norden ist

Ich merke, ich habe zu viel Ingvar Ambjørnsen gelesen. Sein Roman „Brødrene i blodet“ war die Vorlage für den Film „Elling“, der seinerzeit auch in Deutschland sehr erfolgreich war. Und dann gab es noch ein Theaterstück. Und dann gab es noch viel mehr Bücher über den Charakter „Elling“, den menschenscheuen Dichter, der mit seinem verfressenen Kumpel Kjell-Bjarne in einer Sozialwohnung in Oslo lebt.

Aber nein, so weit bin ich noch nicht. 1.147,98 km trennen mich von Oslo und einer möglichen, wenn auch unwahrscheinlichen, dortigen Sozialwohnung. Nur zum Vergleich: Die maximale Nord-Süd-Entfernung in Deutschland liegt bei etwa 830 km. Und das alles ist Luftlinie.

Kurz: Ich bin ganz weit weg.

Und gleichzeitig auch ganz da, denn das „Florenz des Nordens“ (Leonardo Da Vitzi) ist wirklich sehenswert. Lustig: In dieser Universitätsstadt leben mehr (78000) Menschen als in der ganzen Provinz Finnmark (76000). Die ist so groß wie Dänemark, und aus ihr komme ich gerade, bitter schmeckende Eiszapfen im Bart. Die schmelzen dahin ob der Ansicht der schönen, wenn auch etwas beängstigenden, Menschen des Nordens.

Die Stadt soll teurer sein als Trondheim, das „Tromsø der Mitte“ (Edvard Irgendwas), welches immerhin fast dreimal so groß ist und auch eine Uni hat. Ich gehe tagsüber spazieren, weil mein Flieger erst um 15 Uhr 30 geht, und ich mir eine Übernachtung im Hotel geleistet habe, nachdem ich eine betrunkene Plattenlabelmanagerin aus Chicago… aber lassen wir das.

Nicht nur nehme ich ein wohlverdientes Bad in der Menge, bei dem ich auch den ersten Flohmarkt Norwegens sehe. Meine Schritte führen mich an einem Banksy-artigen Kunstwerk hinunter zum Kai, wo ich der Eismeerkathedrale ehrfürchtig ansichtig werde.

Und dann: ins Troll-Museum! Endlich hat mal ein Kulturmanager eine gute Idee gehabt! Da wimmelt es von Huldra, Seetroll, Draugen und eben dem Trollkönig, der von Edvard Grieg verewigt worde: bom-bom-bom-bom-bombombom—bombombom—bombombom usw. Schön auch, die Verbindung zum Wikingerglauben und den Sami zu haben. Wieder einmal zeigt sich, dass sich hier im Norden die Mythologien vermischen.

*

Dann, einen Flug später und einen halben Koffer leichter, den ich in den Papierkorb am Tromsøer Flughafen zwängen musste, das „Manhattan des Nordens“ (K. Lauer): Oslo! Hier erlebe ich, dass meine Furcht vor Menschen nicht von ungefähr (= von Ingvar Ambjørnsen) kommt: Sie ist genetisch veranlagt! Ich bin ein halber Norweger und Norwegen ist das Land von Edvard Munch (wieso heißen eigentlich alle Berühmten hier [außer mir] Edvard?). Und der ist hier allgegenwärtig und hat wirklich was gegen Menschen gehabt (s. Bilder). Übrigens hat er auch viel gesoffen, das liegt also wohl auch in den Genen… aber lassen wir das.

Hier in Oslo trifft sich also Menschenhass mit Architektur (s. unten). Damit kann ich als Deutscher etwas anfangen! Christiania (=Oslo in alt) und Germania (=Berlin in alt) reimt sich ja auch. Aber damit haben sich die Parallelen auch schon. Nein, Oslo ist wirklich anders: Hier sind – genau wie in der anderen Stadt da im Norden, Name s. oben (Dr. D. Menz) – die Menschen wunderschön und keiner hat ein Bier in der Hand. Ich fühle mich ohne Bier in der Hand immer ganz nackt. Und das bin ich auch tatsächlich einigermaßen, denn ich musste prompt nach Ankunft meine mir verbliebene Kleidung wegwerfen, denn hier in Oslo ist es – SOMMER! Es sind tropische 25 Grad, Anfang September!

Ich mache das einzig Vernünftige: Ich gehe auf einen Kindergeburtstag. Meine Familie hat sich in meiner über zehnjährigen Abwesenheit fleißig fortgepflanzt und ich kann mir die Namen meiner geschätzt tausend Schwipp-Nichten um Haaresbreite merken. Als wäre das nicht schon genug Regression (mein peinliches Nordkapp-Schneedingsbums-Schwippnichten-Geschenk verschwindet gleich unterm Geburtstags-Teppich), suche ich auch noch das Haus meiner Großmutter auf, das sich nun, 14 Jahre nach ihrem Tod und dem schon vorhergehenden Verkauf, des Hauses natürlich, in einen sterilen, tumben Kasten verwandelt hat, der wahrscheinlich bei AirB’n’B als „awesome Oslo experience“ angepriesen wird. Nein, hier war – wirklich! – früher alles besser!

Wenigstens das Storting (s. oben) steht noch. Das ist hier das Parlament. Norwegen ist das demokratischste Land der Welt, hat der Economist vor einiger Zeit gesagt. Ich bin immer wieder erstaunt, dass die Bauern hierzulande die treibende Kraft hinter der Demokratisierung waren. Sie haben richtig gehört: die BAUERN (s. unten)! In allen Ländern wurden sie unterdrückt, zermalmt, und ihre sterblichen Überreste untergepflügt (Cannibal Corpse), aber nicht hier, im „Bauernstadl des Nordens“ (Karl Joik)! Zusammen mit der Anti-Alkohol-Bewegung (kein Witz!) und den Laienchristen (auch kein Witz, wenn auch irgendwie komisch) haben sie das Land urbar gemacht, also im demokratischen Sinne.

Und was haben sie zuerst gemacht, als sie 1905 unabhängig wurden? – Sie haben sich einen König besorgt! Davon gab es damals ein Überangebot, weshalb die Royalen sich auf lange und beschwerliche Migrationsrouten begeben mussten, um ihr karges Dasein irgendwo fristen zu können. Der König, der hier in Frage kam, kam aus Dänemark. Das ist die „Finnmark des Südens“ (S. Oben). Eigentlich hat Dänemark nämlich Norwegen einmal Schweden geschenkt. Das könnte also auch einmal so gehen wie mit Russland, der Krim und der Ukraine… aber lassen wir das.

Denn als ich diese bitteren – aber absoluten wahren! – Wahrheiten schreibe, klopft es an meiner Tür und ich werde des Landes verwiesen.

Nunmehr nackt, ohne Bier, Kleidung und Obdach, werde ich von der Meute mit Käsehobeln und Sprengharpunen (die neben Stockfisch und Demokratie zu den Erfindungen Norwegens zählen) aus dem „Süden des Nordens“ (G.O. Graph) gejagt. Ich rufe den Möchtegern-Wikingern noch hinterher:

Anderswo ist es auch schön!

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Von Benjamin

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