Bonjour France!

Und dann kam Frankreich. Nachdem ich aus Norwegen ausgewiesen wurde, begann ich meine Künstlerresidenz in Arc-et-Senans, welches sich im Osten des Landes (also Frankreichs) befindet, in der région Bourgogne-Franche-Comté. Verrücktes Zeuch! Statt rennender Rentiere rollen hier überall Weinflaschen und Käselaibe durch die Gegend.

Untergebracht bin ich in der Saline royale in Arc-et-Senans, einer alten Salzfabrik aus dem 18. Jahrhundert, von einem visionären Architekten namens Ledoux erbaut. Das Gebäude ist Teil einer idealen Stadt, die der gute Mann hier errichten wollte. Aber nur die Hälfte davon wurde realisiert, zufällig in der Form eines halben Käselaibes. Die Fabrik erwies sich als schön, aber ineffizient, und dementsprechend schwand die Motivation, den Rest des Projektes zu bauen.

Mein Zimmer liegt im Museum Ledoux, das die anderen Arbeiten des Architekten behandelt. Er war seiner Zeit weit voraus, denn er entwarf etwa kugelförmige Häuser (s. Bilder), wie sie später von Perry Rhodan gebaut wurden. Perry Rhodan hat allerdings kugelförmige Raumschiffe gebaut, wie jede*r weiß, der diese Romanserie liest. Sie ist übrigens die längste zusammenhängende Geschichte der Welt, aber das nur am Rande.

Also: Der „Retrofuturismus“ ist hier allgegenwärtig, denn der Visionär Ledoux hat eben diese – heute altmodischen – verrückten Ideen gehabt, wie man ideale Häuser, Fabriken und Städte bauen könnte. Das ist klassischerweise Teil der Zeit der Aufklärung, die hier in Frankreich „âge des lumières“ heißt, also etwa „Zeit des Lichts“, „Zeit der Erleuchtung“. Und jetzt kommt die kulturgeschichtliche Pointe: Die Gebrüder Lumière (!), die Pioniere des Kinos, kamen hier aus der Gegend, aus Besançon, 30 km von meinem derzeitigen Wohnort entfernt. Genau wie Victor Hugo und Pierre-Joseph Proudhon, die auch radikale Ideen hatten, aber v.a. politisch.

Kurz: Ich habe einen Kulturschock. Oder vielleicht sogar drei.

*

Leipzig – Finnmark – Leipzig – Franche-Comté… was ein Flash. Ich flüchte mich natürlich wie immer in den Humor und beginne meinen ersten Blog-Entwurf: „Ich bin ein Edel-Migrant. Das klingt ganz wie eine Name der Pilze, auf die ich warte…“ – Ich versuche mich eben an die handfesten Dinge zu halten: Pilze. Das kenne ich. Von früher. Und da ich hier an einem der größten Wälder Frankreich (Chaux, s. Bilder) lebe, gehe ich schwer davon aus, dass es hier Pilze gibt. Im Supermarkt schon sehe ich, dass es getrocknete trompettes-de-la-mort von hier gibt, also Totentrompeten. Diesen Pilz habe ich nur einmal selber gefunden, in Südnorwegen. Was für ein schöner Zufall, der mir hoffentlich meinen kulturellen Übergang hier erleichtert.

A propos Wald: Bei meiner ersten Fahrradtour über Stock und Stein (ich habe hier ein altes Mountainbike aufgetan) komme ich an alten Metallschloten vorbei. In der Nazizeit haben hier die deutschen Besatzer die Herstellung von Holzkohle wieder aufgenommen. Auch das erleichtert mir vielleicht meinen Übergang: Die Deutschen haben auch hier gewütet, genau wie in der Finnmark. Aber ohne Witz: Ich bin sehr gespannt, wie hier die Kriegszeit und die Erinnerung daran behandelt wird.

*

Wenn ich meine Wohnung verlasse, stehe ich im Museum. Das verstärkt noch mein Gefühl von Irrealität. Auch hier in der Saline wimmelt es von Touristen. Mit denen kenne ich mich ja jetzt aus. Mit süßen Tablet-Computern schlendern sie über das Gelände und erkunden die verschiedenen Ausstellungen, darunter eine von dem belgischen Illustrator und Bildhauer Folon, die geniale Bildmotive ergibt (s. Bild). Auch dies surreal, auf eine angenehme Art und Weise.

Ich kaufe mir erst einmal eine Wanderkarte der nächsten Umgebung. Also gut, ich bin in Frankreich, in Bourgogne-Franche-Comté. Was noch? Der Kanton oder Kreis heißt Doubs und das Dorf, in dem ich bin hat 1500 Einwohner und (was ein Glück!) einen Supermarkt! Ich hatte vor meiner Reise wochenlang kalkuliert und nachgedacht, ob ich mir ein Auto anschaffen könnte, wenn ich hier in der campagne (=auf dem platten Land) bin. Die erwartungsgemäße Antwort: Nein. Nächster Gedanke: Ich brauche einen Daunenschlafsack, damit ich draußen schlafen kann. Ob es wohl in dem Riesenwald hinter dem Dorf Wölfe gibt? – Nein. Puh! Nur kostet ja ein guter Schlafsack fast so viel wie ein Auto…

A propos: Mein monatelang gespartes Trinkgeld aus Norwegen reicht für sage und schreibe ZWEI Einkäufe im Dorfsupermarkt. Ich suche eine Spülbürste. Kostenpunkt: fünf Euro. Ok, auch hier fällt mir der Übergang von Norwegen nach Frankreich leicht: Es ist sauteuer. Der nächste Lidl (danke Deutschland!) ist 30 km entfernt und scheint mir unerreichbar.

Aber dafür kriegt man hier auch etwas für sein Geld: In den ersten zwei Wochen koste ich Käse wie Comté, Mont d’Or, Morbier, Wurst von Morteau, vin jaune (=gelber Wein, ein Likörwein) und Macvin (ebenfalls ein Likörwein). Schon seit der Römerzeit wird die geräucherte Wurst von hier gelobt. Man muss dazu sagen, dass die französische Küche und der Wein mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe sind, und im nahen Dijon gibt es ein ganzes Erlebniszentrum rund um die cuisine française.

*

Aber in Wirklichkeit hänge ich die ganze Zeit vor dem Computer, schreibe Bewerbungen und bestelle verrücktes Zeug für meine Kunstprojekte. Kulturell gibt es hier einiges zu entdecken. Nur soviel vorab: Hier hat man deutlich mehr Geld für Kunst und Kultur in der Provinz als in Deutschland.

Salut!

Avatar von Benjamin

Von Benjamin

https://schaefertext.com

Hinterlasse einen Kommentar