Besançon, c’est moi

Meine Verwirrung nimmt langsam konkretere Gestalt an. Ich habe langsam meine Kulturschocks überwunden und kann nun einen ersten Kulturvergleich anstellen zwischen Deutschland, Norwegen und Frankreich:

Bürgersteige und Feldwege

– Deutschland: überall

– Frankreich: wenig ausgebaut, aber sich lustig schlängelnd

– Norwegen: Wege? Verwöhntes Pack!

Preise:

– Deutschland: normal

– Norwegen: teuer

– Frankreich: noch teurer, aber die Zahlen lustig tanzend

Menschen:

– Deutschland und Norwegen: Hä? Menschen? Lass mich in Ruhe! Faen ta deg!

– Frankreich: freundlich, gesprächig, lustig

Pilze:

– Deutschland: griesgrämig-ungenießbar

– Norwegen: Rentierfutter

– Frankreich: giftig, aber lustig im Abendlicht zwinkernd

Damit wäre schon mal eine erste Orientierung gegeben. Die Liste wird noch fortgeführt werden.

A propos Kultur: Ich stellte einst die These auf, dass es hier in Frankreich mehr Geld für Kultur gibt. Nun kann ich dies mit handfesten Halbwahrheiten belegen!

Erstens gibt es in jeder Provinzhauptstadt eine „FRAC“, also ein Fonds régional d’art contemporain, ein „Landesfonds für bildende Kunst“. Und die unterhält dann ein Museum und noch weitere Späße. So was gibt es etwa in Besançon (s. Bild). In diese Stadt habe ich mich nunmehr schon zwei Male verirrt, denn neben der FRAC gibt es dort auch einen ALDI. Die Franzosen lieben solche Abkürzungen in Großbuchstaben.

Aber sie lieben eben auch Kunst und Kultur, und neben Besançon hat eben auch Dijon eine solche Kunststiftung, außerdem haben beide Städte auch Kunsthochschulen. Und jetzt zum Vergleich das Land Rheinland-Pfalz, das mich hier alimentiert: Bourgogne-Franche-Comté ist mehr als doppelt so groß, hat nur zwei Drittel der Einwohner und ist halb so reich (nach BIP). Und es gibt mehr Geld aus für Kultur als das vorgenannte deutsche Bundesland. Aber hey, dafür gibt es dort Weck, Worscht und Woi und – ja – eine Kunsthochschule. Zugegebenermaßen sind die Strukturen hier einfach anders, vor allem ist Frankreich kein Bundesstaat. Und die Leute sind hier lustig. Meine Recherchen gehen also weiter.

*

Bensançon ist jedenfalls eine richtig schöne Stadt (s. Bilder). Man sieht sie auch erst einmal gar nicht. Denn sie versinkt geradezu in einem grünen Meer von Bäumen, gilt auch als eine der „grünsten“ Städte Frankreichs. Sie hat etwas über 100.000 Einwohner, ist also etwa so groß wie Koblenz. Mein vorläufiges Highlight ist die Zitadelle, von einem Beamten der UNESCO namens Vauban gebaut. Der ist so berühmt, dass er schon tot ist. Die UNESCO wurde von Ludwig XIV. gegründet, dem „Sonnenkönig“. Der hat bekanntlich alles gegründet, was unter der Sonne existiert. Komisch, dass Caesar, Ramses und Gott dasselbe von sich behaupteten.

Aber Frankreich ist nun einmal das Land des Absolutismus, das war der Totalitarismus mit Perücke. Auch ich habe mir mittlerweile eine Perücke zugelegt (s. Bild) und regiere absolut über meine Ländereien. Ich kann frei über eine Armee von Stinkwanzen, Spinnenläufern (!), Silberfischchen und stinknormalen Spinnen befehligen. Denn historische Behausung bedeutet Verantwortung, und das bedeutet: Insekten. (Wobei Spinnen ja keine Insekten sind, aber das lassen wir nun…)

Ich fühle mich also genauso absolut wie ein Absolutist des 18. Jahrunderts, wenn ich von der Zitadelle Besançons auf die Stadt herniederschaue, die lustig eingerollt in einer Schleife des Flusses Doubs liegt. Es ist eine Studierendenstadt, das merkt man daran, dass die Sonne scheint. Und dass die Leute jung sind. Alles sehr sympathisch, und ein gewisser Kontrast zu Dijon. (Aber das werde ich in einem anderen Post abhandeln.)

Sehenswert sind auch die römische Porte Noire (vgl. Porta Nigra in Trier), die Kathedrale Saint-Jean, und darin auch die astronomische Uhr aus dem 19. Jahrhundert (alles s. Bilder). Mit dieser Uhr hat man versucht, ein erstes Internet zu konstruieren. Man konnte dort die Uhrzeit der ganzen Welt, Ebbe und Flut, Planetenstellungen und das Mittagessen anzeigen. Denn die Uhr hat gleichzeitig den Glockenturm betätigt (also die Glocken im selbigen). Ich nehme Reißaus, als eine offizielle Führung durch die Uhr beginnt. Ich möchte mich doch nicht so gerne zwischen die reißenden Zahnräder und stampfenden Kolben zwängen! (Aber das ist nur ein Witz, die Uhr geht bis 2026 nicht mehr. Denn wir haben gerade ein Schalt-Viertel-Jahrzehnt.)

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Auch Menschen gibt es in Besançon. Ich nehme an der Semestereröffnung der Kunsthochschule ISBA (vgl. FRAC, ALDI) teil, des Institut Supérieur des Beaux-Arts. Dort treffe ich echte Kunststudierende und -professoren. Sie sind wirklich lustig (wie immer in Frankreich, wobei man in der Kunst immer ein bisschen weniger lustig sein darf, so auch hier, wie ich noch herausfinden werde) aber ich muss gestehen, dass ich nach dem jahrzehntelangen (!) Studium ein bisschen Abscheu gegen solche Institutionen entwickelt habe. Ich spreche mit dem jungen Holzbildhauer A., der wirklich aussieht wie ein Wikinger-Adonis. Da fühle ich mich gleich zuhause (s. Norwegen-Blog)!

In der Ausstellung gab es dann das übliche Potpourri an Kunst-Installationen, wobei mir immer wieder auffällt, dass hier sehr viel Text verarbeitet wird (s. fehlende Bilder). Mein Kontaktmann L. erzählt mir, dass es recht schwer war, die Ausstellung zusammenzubringen, da es die Absolvent*innenausstellung ist, also die Leute eigentlich schon gar nicht mehr an der Schule sind. Und sie seien „einfach junge Künstler*innen“, was die Zusammenarbeit schwierig mache. Ich nicke verständnisvoll und aus eigener Erfahrung…

Die jungen Künstler*innen, die eben etwas weniger lustig sind als die Dinge sonst in Frankreich, lassen sich demzufolge auch von meiner Flasche Whisky nicht zum Bleiben überzeugen und radeln hinaus in die Nacht. Wo ich denn noch was zu essen herbekäme, rufe ich ihnen hinterher? Da hinten beim Verkehrskreisel! Whisky und Döner, das verspricht ein harter nächster Tag zu werden. Besançon hat mich überzeugt.

Salut!

Pilzgericht à la doubsienne

P.S.: Da mich einige Nachfragen erreichen: Ich bin hier auf einem Künstler*innenstipendium des Landes Rheinland-Pfalz. Ich mache also Kunst, was nichts mit meinem Geschmier hier zu tun hat! Dies hier ist reiner Gelegenheits- und Gefälligkeitsjournalismus.

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Von Benjamin

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