In zwei Stunden bin ich auf der Anhöhe gegenüber von Arc-et-Senans. Es stürmt. Es bläst. Das ist ein Wetter! Endlich habe ich mal eine gescheite Aussicht. Hügel. Wald. Überall Kuhweiden – auf einer von ihnen fangen die Pilze an. Scheiße, weiße Lamellen. Das sind vielleicht gar keine Champignons… Ich nehme einige mit zum Bestimmen.

Zunächst bietet sich mir aber ein schöner Blick auf meinen Ausgangsort Arc-et-Senans (s. Bild). Dort wurde bis 1860 Salzwasser ca. 16 km weit durch ein Rohrsystem, genannt saumoduc, geleitet. Der weiße Weg auf dem Bild bezeichnet den ehemaligen Standort des monumentalen „Gradationswerks“, wo die Lösung für die Fabrik aufgewertet wurde.
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Ich versuche gleichsam alles an Eindrücken einzusaugen und die Essenz der Gegend herauszudistillieren. Was ist das Land? In Frankreich, in Deutschland, Norwegen, sonstwo? – Ist es „schön auf dem Land“? Schon merke ich, wie ich in Romantik abrutsche. Die Gegend erinnert mich an das Rothaargebirge in Deutschland. Es gibt hier so viele Schlösschen und Herrenhäuser – ich frage mich, wer sich so etwas leisten kann. Es scheint den Leuten nicht allzu schlecht zu gehen. Allerdings sind die Häuser im Allgemeinen nicht so gepflegt wie in Deutschland. Fassadenputz? – Ach quatsch, braucht kein Mensch! N’importe quoi!
Also führt ein erwartungsgemäß romantisches Pfädchen hinab in das Dorf Champagne-sur-Loue, das ebenso bezaubernd ist. Es liegt in einer Schleife der Loue, die etwa so breit ist wie der Main, aber wilder. Im Dorf fällt mir wieder auf, dass eben jedes solches eine stattliche Mairie hat, also eine Bürgermeisterei. Außerdem der Kalkstein – er macht die (Bruchstein-)Häuser so hell und gleichzeitig so… „urig“. (Wieder so ein Atttribut für die Provinz!) Die Kirche ist leider verschlossen. Über dem Portal fällt mir eine alte, schwer lesbare Inschrift auf: Le peuple français reconnait l’être et la immortalité de la vie. Seltsamer Slogan, denke ich mir und gehe weiter.






Später werde ich herausfinden, dass es sich hierbei um einen Spruch aus der Französischen Revolution handeln muss. Damals wollte man das Christentum durch einen anderen, säkularen Kult ersetzen. Wohlgemerkt: Der Spruch geht eigentlich anders, in diesem Falle ist es also eine noch radikalere Version. (s. Wikipedia: „Culte de l’être suprème“).
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Das Dorf hat auch ein recht ungewöhnliches Kriegsdenkmal (s. Bild). Es ist eher romantisch-expressionistisch, während die üblichen Formen klassisch christlich sind. Bei all der Romantik werde ich daran erinnert: Das hier was im Krieg besetztes Gebiet, Besançon z.B. ab 1940. Meine ersten Spaziergänge durch mein „Heimatdorf“ Arc-et-Senans hatten mich an einem Gedenkstein eines ermordeten Résistance-Kämpfers vorbeigeführt. Außerdem sind viele Gräber auf dem Friedhof mit Plaketten alter Widerstands-Kameradschaften versehen.

Auf meiner Wanderung finde ich zudem, wie ein Mahnmal an einen Laternenpfahl geklemmt, ein Wörterbuch des „Désesperanto“: Der Sprache der Lager im Zweiten Weltkrieg. Das sind deutsche, aber auch etwa russische und ukrainische Wörter. Das Buch ist vom Regen durchnässt. Einige Tage vorher habe ich im norwegischen Fernsehen gesehen, dass der Regisseur Knut Erik Jensen aus Honningsvåg/Norwegen einen neuen Film gemacht hat über die Zerstörungen der Wehrmacht in der Provinz Finnmark.
Sowohl in Norwegen als auch in Frankreich ist es ein ganz eigener Stolz, der daraus erwächst, diese Kriegszeiten überstanden oder sogar Widerstand geleistet zu haben. Ich werde später das Buch über die Lagersprache zuhause bei mir auf die Heizung legen, zum Trocknen.
Ich laufe einige Feldwege (die hier Straßen sind) entlang, der Wind bläst weiter wie wild. Aber es regnet zur Abwechslung einmal nicht. Deswegen bin ich auch heute rausgegangen, denn tags darauf soll es wieder prasseln (was es auch tut). In einem winzigen Bushäuschen setze ich mich hin, um etwas vom Wind geschützt meinen Tee zu trinken. Die Autofahrer*innen glotzen mich an.
Um wieder ins Hier zu kommen, überlege ich, dass ich gleich mehrmals die Grenze von Doubs und Jura überquert habe, das sind die zwei Ost-départements in der Franche-Comté (dt. Freigrafschaft). Jura ist bei weitem das bekanntere von beiden, dort gibt es Wintertourismus und es soll die kälteste Gegend in ganz Frankreich sein. Das Jura zieht sich bis in die Schweiz hinein, geografisch. Die Grenze zum Nachbarland ist nur 60 km von mir entfernt. Schon öfter ist mir aufgefallen, dass ich öfters Schweizerdeutsch auf den Straßen höre. Auch dies eine interessante Parallele zum Nordkap.
Dies ist also eine alte Kulturgegend, selbst die Römer haben sich hier schon angesiedelt. Es gab ein gallisches Volk namens Sequaner, die die Besançon-Gegend besiedelten. Die Burgunder, die später kamen, waren übrigens ursprünglich Germanen – die sich später mit den Franken zusammenschlossen, um die anderen Germanen zu vertreiben. Dann schlossen sich alle diese Völker (!) kurzzeitig zusammen, um die Sarazenen zu vertreiben. Aber das war noch vor Karl dem Großen.
Und das ganze Burgund (Franche-Comté war die Grafschaft Burgund, während Dijon usw. das Herzogtum Burgund war) gehörte einige hundert Jahre zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Bei Victor Hugo war dann Besançon eine „alte spanische Stadt“… Alles klar ?!?
Aber all das ist lange her. Bei all diesen Betrachtungen wird mir klar: Migration ist der Normalzustand. Wohl keines der Völker dies- und jenseits des Rheins ist in ihrem angestammten Territorium geblieben. Angeblich sollen die Basken und die Sámi die einzigen Urbevölkerungen Europas sein.
Viel präsenter ist hier etwa die Geschichte des auf der Hauptstraße von Arc-et-Senans getöteten Widerstandskämpfers. Die Mahnmale des Dorfes stechen an desem Tage schmerzhaft in den wolkenbehangenen Himmel. In der relativen Leere des Dorfes haben sie mehr Raum als in der Stadt.
Eine Stunde später bin ich zuhause, gut durchgepustet, mit einem nassen Buch und einem Kilo Feldchampignons im Gepäck. Keine weißen Lamellen.
Späte Geschenke!



