Als Kind habe ich immer Brot mit „Lyoner“ gegessen. Von früh auf war mir Frankreich also Wurst. Heute ist das anders. Ich weiß, dass meine Vorannahmen von damals in Wirklichkeit Käse sind. Aber dazu später mehr.
Die letzten Wochen in der campagne vergehen wie im Flug. Wie der ewig herniederprasselnde Regen lasse ich mich auch treiben, von einer abstrusen Performance-Idee zu einem Video und wieder zurück. Das Leben ist Kunst, und Kunst ist anstrengend.
Zwei Ausflüge führen mich nach Arbois, eines der Zentren des vin jaune, des gelben Weines, den es nur im Jura gibt. Der gelbe Wein hat seinen Namen nicht etwa durch inkontinente Winzer, sondern wegen Bakterien. Oder Hefen. Oder so was. Louis Pasteur, der Erfinder der Tollwut (oder so), könnte das näher erklären. Dieser Forscher hatte auch im Städtchen Arbois sein Labor und er hat hier erfunden (oh Wunder): die Pasteurisierung. Schon wieder so ein Wort aus meiner Kindheit. Auf der Milch aus dem Supermarkt, die ich auf meine Corn Flakes schüttete, stand immer: pasteurisiert und homogenisiert. Kurz, und das war auch das, was meine Mutter mir erklärte: Milch (und Wein, den dafür wurde das Ganze von good old Louis erfunden) wird sehr schnell erwärmt und wieder abgekühlt. Es bleiben aber einige Mikroorganismen bestehen, weshalb der Quark (oder ähnliches) immer noch cool bleiben muss.







Es ist wirklich interessant, wie früh und konkret ich so mit Frankreich in Kontakt gekommen bin. Im Supermarkt hatte ich neulich geradezu einen Flashback: Le Tartar! Gott, wie habe ich diesen Streichkäse als kleiner Steppke geliebt. Frankreich, je t’aime! Doch ich muss eine Träne verdrücken, als mein Blick zum Preis des nostalgischen Milchprodukts wandert. Gab es schon eine Inflation, als ich lüstern meine Corn Flakes machte und fröhlich mein Streichkäsebrot im Dorf um die Häuser strich?
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Von Arbois wandere ich an einem anderen Tag durch die lokale reculée, ein einzigartiges geologisches Gebilde, ein Tal, das wohl durch eine riesige Absackung entstanden ist. Meine alten Instinkte werden wach: Früher wollte ich einmal Paläontologe werden und kannte mich ein bisschen mit Steinen aus. Doch das Geologiestudium musste ich abbrechen, da ich eingeschult wurde.
Jedenfalls habe ich in dem Tal bei Arbois wirklich die Gewissheit: Hier bin ich im Jura. Auch dies ein Wort, das ich aus meiner Kindheit kenne, da es im gleichnamigen Erdzeitalter schon Dinosaurier gab.

Ich besuche die Cascade des Tufs (s. Bild) in einem beispiellosen Waldlauf, da ich erst gegen 14 Uhr meine Wanderung beginne, und der Tag nun wirklich keine 24 Stunden hat. Es ist wirklich sehr idyllisch, ja abgelegen. Interessant, dass die Melancholie des Landlebens mich überall auf der Welt befällt. „Her hender det ingenting“ lautet der Titel eines interessanten Buches aus Norwegen: „Hier passiert nichts.“ – Der Titel ist ironisch, denn es passiert sehr viel, die Moderne bricht herein über ein Dorf im Norden, das vor einer Generation erst gegründet wurde.
Kann man sich auf dem Land vor der Veränderung verstecken? Kann man sie hier ignorieren? – Mir fällt die Aussage eines Kulturschaffenden von vor einigen Jahren ein: „Die Bewohner von X (eine verhältnismäßig große Stadt in Rheinland-Pfalz – Anm. d. Red.) versuchen, die Moderne zu verschlafen.„
Ich werde aus diesen komischen Gedanken gerissen, als die Abendsonne hervorbricht und die Klippen in ein goldenes Licht taucht. Wald, Berge, Wasserfälle – scheiße, ist das schön hier!

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Aber die Welt dreht sich weiter, und so auch ich. Schnitt. Kontrast. Die Filmrolle spult zur eingangs angedeuteten Stadt: Lyon! Drittgrößte Stadt Frankreichs, ehemalige Hauptstadt der römischen Provinz Galliens, zweitteuerste Stadt des Landes, kulinarischer Kulminationspunkt, Geburtsstätte des Films… Vergessen die Wälder und Wasserfälle, hier gibt es nur Häuserschluchten und steile Straßen. Es ist eng, es ist laut und – auch hier scheint die Sonne! Für mich regengewöhnten Juristen (!) ist es schwer, dies nicht als lokale Eigenart zu sehen. Aber im Ernst: Irgendwie ist man hier schon ein bisschen mehr im Süden.












Ich besuche das Institut Lumière und den Ort, an dem einst Arbeiter die Fabrik verließen, eine Szene, die Filmgeschichte schreiben sollte. Die Brüder Lumière (deutsch: Licht. No pun intended.) habe den Kinematographen erfunden, das, was man heute als „Kino“ und „cinéma“ kennt. Die besagte Fabrikszene war allerdings inszeniert, also nicht dokumentarisch. Hier also eine der ersten Illusionen der Kultur, die später zur „Traumfabrik“ werden soll.
Eine weit frühere Traumfabrik findet sich auf der anderen Seite der Stadt: die römischen Theater. Sie liegen auf einer Anhöhe und bieten einen unglaublichen An- und Ausblick. Bis zu 10000 Menschen waren hier ab dem ersten Jahrhundert nach Christus versammelt, um Tragödien und Komödien zu konsumieren. Ich schmunzele über die Erinnerung an eine Passage von Lorant Deutsch in „Hexagone„, derzufolge Vercingetorix einstmals gegen die Römer unterlag, weil sich die gallischen Truppen nicht einigen konnten (auf eine Strategie, einen Anführer usw.). Auch die römischen Anlagen liegen schon lange in Trümmern. Sic transit gloria mundi!
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In den Schaufenstern der boulangeries von Lyons sehe ich ganz andere Trümmer: Brioche praline! Hier stehen die Leute Schlange, nur um sich diese zuckrigen Hefebrote zu kaufen. Auch vor einigen Restaurants sind lange Schlangen. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass Lyon die kulinarische Hauptstadt Frankreichs ist. Ha! Habe ich es doch gewusst, als Kind, als ich mein Brot mit Lyoner mampfte! – Ich kaufe mir in einer Bäckerei ohne Schlange eine brioche praline und verzehre es auf der Straße. Ich habe selten so etwas Süßes gegessen. Einfach nur geil.


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Mit dieser Reise läute ich auch das Ende meines Frankreichaufenthaltes ein. Nach drei Monaten ist man nach meiner Erfahrung gerade erst warm geworden mit einer Kultur. Umso besser, dass ich einsiedlerisch gelebt habe, so hinterlasse ich keine gebrochenen Herzen – und muss meines nicht zusammenflicken….
Nun bin ich auf dem Weg nach Deutschland, mein Flachmann für Wanderungen ist ausgelaufen und ich stinke nach Rum. Ein würdiger Abschied. Aber Moment – der letzte Anblick in Besançon, am Bahnhof, etwas unglaublich Französisches: ein Käse-Automat (siehe Bild)! Adieu, France, je t’aime…! Voyage voyage! Fromage fromage!
Epilog:
In Deutschland erwarten mich neue Ufer: Ich werde das Verhaltensexperiment unternehmen, mich ohne festen Wohnsitz durchzuschlagen. Ganz offiziell. Frei nach einem berühmten Werbespruch: Ich wohne nicht mehr, ich lebe ab jetzt. Ich nehme mir vor, auch dies unregelmäßig hier zu besprechen.
Stay tuned! Au revoir!

