Verrückt – in der ersten Woche sehe ich alles, was ich in drei Monaten letztes Jahr nicht gesehen habe: Schweinswale, Buckelwale, Fischotter, Trinkgeld. Meine Prioritäten sind genau andersherum. Aber Wale sind auch ganz nett.




Das Wort „wheel“ im Englischen kommt von „hvale“, was ein altnorwegisches Wort für das Drehen ist, das die Wale im Wasser vollführen. Ich kriege auch nach der ersten Woche einen Drehwurm ob all der Eindrücke und Touristen hier am Nordkap. Am zweiten Tag werde ich gleich in einen Shuttle-Bus gesteckt, mit Ulf viermal zum Kap und fünf Male hinunter. Am Ende haben wir die Taschen voller Geld und nur warme Gedanken gegenüber diesen herzallerliebsten amerikanischen Touristen. Ich bin wieder im Spiel. Geholfen hat natürlich auch, dass Ulf im Bus gesungen hat – er hat den Joik angestimmt, mit dem Sverre Kjelsberg und Mattis Hætta 1980 den „Melodi Grand Prix“ gewonnen haben, also die norwegische Ausgabe des Eurovision Song Contest.
Fälschlicherweise sage ich den Touristen, dass die beiden den Eurovision Song Contest (ESC) selber gewonnen haben. Es wird auf meinen Touren nicht bei dieser einen Unwahrheit bleiben. (Die beiden machten Platz 16 von 19.)
Erschreckend schnell gewöhne ich mich daran, den Touristen etwas vorzulügen. Honningsvåg sei die nördlichste Stadt der Welt (unwahr, es gibt mindestens drei Städte in Alaska bzw. auf Grönland, die weiter nördlich liegen); Norwegen habe beschlossen, Mineralien vom Meeresgrund zu fördern (unwahr, das Land hat beschlossen, nach diesen Mineralien zu suchen); das Nordkap sei der nördlichste Punkt Europas (unwahr, s. Internet).





Aber irgendwie müssen wir ja alle Geld verdienen und so beiße ich in den sauren Apfel und stürze mich in den Tropfen Nebel, der hier oben das Fass jederzeit zum Überlaufen bringen kann. Alles hier ist irgendwie nord: Nordkap rauf, Nordkap runter, Brechfest äh Frühstück am Nordkap, Panorama-Tour zum Nordkap. Selbst viele Menschen hier tragen Nordkappen. (Nein, es gibt hier keine Nordlichter, es gibt nur das Nord-Licht. (s. Abbildung))
Während das Land irgendwie nord ist, sind die Menschen irgendwie süd: Sie kommen aus Italien, Frankreich, Deutschland und anderen abgelegenen Ländern. Denn sie wissen, dass sich die Erde um uns hier oben dreht! Wir sind hier nämlich ganz nahe an der sogenannten „Pol Position“, der uns einen privilegierten Ausblick über das Weltall erlaubt. Dieses wird nämlich zu dieser Jahreszeit immer angestrahlt. Weil die Erde nicht im Weg steht. Man sieht also Mars, Venus und Twix die ganze Zeit, aber sie kosten eben doppelt so viel wie sonstwo in Europa. Die Gründe dürften ja bekannt sein (vgl. Blogeinträge vom letzten Jahr).
Im Winter ist dafür das Weltall immer dunkel, und es breitet sich der Mantel des Schweigens über die Nordgefilde. Deswegen hieß das Land früher einmal Lappland: Riesige grün-gelbe Lappen hängen über den Himmel, um zu verdecken, dass einfach nichts passiert. Die Ekstase des Nichtstuns. Ich sehne mich nach dieser Zeit, da ich mich dann weniger läppisch fühle, weil ich auch nichts tue, außer Touristen an den Nordkap-Globus zu jagen („Jetzt schnell raus! Der Nebel kann jeden Moment kommen!“).
Lustig war vor allem die Gruppe von Indern, die ich ans Kap begleite. Nie habe ich so wissbegierige Touristen erlebt. „Anything else you want to share?“ fragt mich eine junge Frau. „What is your field of interest?“ – „Geography!“ Ich kenne dieses Wort gar nicht. Ich versuche ihr die Vokabel „T-R-I-N-K-G-E-L-D“ beizubringen, aber sie versteht mich nicht. Jedoch lerne ich bei dem Gespräch mit ihr viel über das Klima und die Bevölkerung des Nordkaps.

„We are very proud of our country!“ sagt sie indes und hisst eine indische Flagge auf dem Kap. Bevor territoriale Fragen aufkommen, lenke ich sie ab mit einem Stockfisch. Denn dies ist die bekannteste Art und Weise, Menschen hier einzubürgern: Zwei Einwanderer*innen ziehen an jeweils einem Ende des beinharten, luftgetrockneten Tieres, bis es zerreißt. Der eine kriegt dann den Stock, der andere den Fisch. So geht keiner leer aus und das nennt man hier Sozialdemokratie.
Juni-Weisheit: „Hvis du har en dårlig dag: Glem ikke at du er stygg også!“ (Übersetzung s.o.)







P.S.: Das Titelbild zeigt das Rathaus von Hammerfest. Dort steppt der Bär, während sonst hier alles recht ruhig ist.
P.P.S.: Lustigerweise scheint hier fast nie die Sonne. Deswegen sind alle Fotos sehr unwahrscheinlich.