Winter in der Arktis

Während in Mitteleuropa schon die Sonne brutzelt, schmilzt in der Arktis jetzt erst langsam der Schnee. Anfang Mai bin ich noch mal in Alta/Finmmark, um mein Winterabenteuer endgültig zu beschließen (und mich mit einem letzten Kuss von meiner Schneekönigin vorerst zu verabschieden…). Dort waren es 2 Grad plus und man konnte schon ohne Spikes laufen. In Südnorwegen, wo ich mittlerweile mein Lager aufgeschlagen habe, sind es stellenweise schon 20 Grad.

Das beweist: Ein anderes Leben ist möglich. Aber es ist rutschig manchmal, und der Wind tut sein übriges. Wie also überlebt man einen Winter am Nordkap?

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Fangen wir vorne an: Oktober. Die Weinlese heißt hier im Norden Tourismus. Denn im Herbst tröpfeln die Besucher*innen nur noch so, und man muss jeden Hauch genießen. Aber es kommen das ganze Jahr über Touristen, denn die Küstenroute fährt die ganze Zeit. Nur die Kreuzfahrtschiffe bleibe im Winter weg.

Mir war klar, dass ich mir einen zweiten Job suchen musste, und so begann ich wieder, Norwegisch zu lehren. Dies ist eine interessante Sprache, weil sie in Norwegen kaum gesprochen wird. Jedenfalls laut der Emigrant*innen, mit denen ich abhänge. Denn sie haben große Probleme, am Nordkap die einheimische Sprache zu lernen. Alle sprechen hier nämlich englisch, und sind mehr als bereit dazu, beim kleinsten Stottern in diese „lingua franca“ zu wechseln.

Also begann eine Idee zu gären: Ein Sprachcafé muss her… Zufälligerweise hatte ich beim „Nordkapp Filmfestival“ eine Mexikanerin kennengelernt, die selbige Idee genial fand. Aber es sollte noch dauern.

Der Herbst brachte also vor allem eins: Kultur. Ich half aus beim besagten Filmfestival (klein aber fein) und begann mich im Städtchen zu vernetzen. Auch hatte ich nun endlich Zeit mal wieder Gitarre zu spielen. All dies waren die Vorboten des Winters, denn eins war klar: Ende November sollte die Dunkelheit anbrechen. Denn auf 71° Nord geht zwei Monate die Sonne nicht auf.

Und der Aktionismus diente eben nicht nur dazu, Geld zu generieren, sondern auch mich auf den Winter vorzubereiten. Wenn dieser an die Tür klopft, wollte ich nicht unvorbereitet sein. Ich wollte ihn hereinbitten können, und ihm ein schönes Willkommen bieten, einen Tee und Vitaminpillen.

Kurz: Ich hatte Angst.

Auch deswegen buchte ich einen Flug nach Spanien. Vorher war noch ein auswärtiger Einsatz in Lakselv auf dem Programm. Dort, am Ende des Porsangerfjords, ist der größte Flughafen Nordnorwegens. Und das größte Militärbatallion, das nun hektisch vergrößert wird, weil es da einen aufmüpfigen Nachbarn gibt.

Als ich dann aus Spanien zurückkam, war es praktisch schon Nacht. Ich war tatsächlich froh „nach Hause“ zu kommen, weil die Reise unerwartet anstrengend war. Ich freute mich! Dunkelheit! Schnee! Kälte! Ich kaufte mir Tran (Fischöl = Vitamin D) und eine Tageslichtlampe und rechnete damit, mich nun einzumotten.

Also brach die Dunkelheit an – doch o Wunder! es ist gar keine Dunkelheit. Jedenfalls nicht die ganze Zeit: Um die Mittagszeit herum gibt es einige Stunden Tageslicht und die schönsten Farben im Himmel, die ich jemals gesehen habe. Zudem gibt es ein Phänomen, das wir unter den Kollegen lieben gelernt haben: die sogenannten „Perlmuttwolken“, das sind Stratosphärenwolken (=ganz hoch), die lustigerweise wohl hauptsächlich aus Säure bestehen. In ihnen brechen sich die Sonnenstrahlen in allen erdenklichen Farben, so dass es aussieht, als hätte jemand regenbogenfarbige Pinselstriche über den Himmel verteilt.

Perlmuttwolken

Manchmal ging ich runter an den Hafen zur Arbeit und hatte Tränen in den Augen, so unglaublich war die Atmosphäre. Der Schnee war auch im Oktober schon gekommen und sollte auch bleiben.

Im Dezember schließlich war dann bekanntlich Weihnachten, welches allgemein in Norwegen groß zelebriert wird. Hier zeigt sich die Antwort auf eine beliebte Touristenfrage: Wieso stehen überall Lampen in den Fenstern der Häuser. In der „mørketid“ (=Dunkelzeit) kann man dies leicht verstehen: Es macht eine Stadt wie Honningsvåg sehr gemütlich und heimelig, weil in allen Fenstern eben Licht brennt.

Mein Gitarreüben hat sich auch gelohnt, denn mit einer Flötistin kann ich zwei kleine Konzerte spielen. Der Dezember mit seiner Vorweihnachtsstimmung entpuppt sich als sehr gemütlich. Und nach monatelanger Träumerei verwirklichen wir Emigrant*innen nun endlich unseren Plan: das Sprachcafé! In den Wochen und Monaten, die folgen, werden wir uns an wechselnden Orten treffen und Norwegisch, Spanisch, Französisch und Deutsch sprechen.

Denn auf der Insel Magerøya, die ca. 3200 Einwohner hat, finden sich (angeblich) 40 Nationalitäten. Größere Gruppen sind die Menschen aus den Philippinen und Thailand. Und aus eingangs genannten Gründen ist es gar nicht mal so einfach, hier Norwegisch zu lernen. Bald finden sich aber ein paar geduldige Einheimische, die gewillt sind, langsam zu sprechen und gebrochenem Norwegisch zu lauschen.

Weihnachten und Neujahr vergehen rauschend. Denn wir sind bei wechselnden Menschen eingeladen, und die Einheimischen wissen zu feiern. Schon in unserem Sprachcafé ist es zur Sprache gekommen, wie die Norweger*innen trinken: Entweder überhaupt nicht oder total. Viele Menschen finden die Einheimischen reserviert, ja gar kalt. Norwegen gilt (neben Deutschland) als eines der Länder, in dem es sehr schwierig ist, soziale Kontakte zu knüpfen. Aber wer einmal freitags in die Kneipen von Honningsvåg geht, der wird eines besseren belehrt: Hier stürzen sich die Menschen geradezu aufeinander. Manchmal besteht dabei Verletzungsgefahr, absichtlich oder unabsichtlich. (Übrigens erfahre ich im Nachhinein gerüchteweise, dass bei Kneipenschlägereien die Polizei gar nicht kommt. Zum Glück habe ich keinen solchen Konfrontationen beigewohnt. Ich kann mich jedenfalls an keine erinnern.) – Die große Frage ist, ob die so gewonnenen Freund*innen, Bettgenoss*innen oder Feind*innen sich am nächsten Tag noch an die frische Beziehung erinnern können.

Manche sagen, so sind schon lebenslange, völlig gleichgültige Beziehungen geschlossen worden.

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Jedenfalls: Januar. Alle sagen mir, dies sei der härteste Monat. Dementsprechend kann ich mich hieran nun wirklich überhaupt nicht erinnern. Ich weiß noch, dass ich jeden Morgen meine Tageslichtlampe anknipste und abends meinen Tran trank (gut gegen Depression). Ich las die „Tora“-Trilogie von Herbjørg Wassmo (gut für eine Depression), und erfreute mich einer unverhofften Liebesaffäre.

Schon im Herbst waren viele Nordlichter zu sehen, und die kamen später, im Januar/Februar wieder zurück. Leider hatte ich keine gute Kamera zur Hand, deswegen verweise ich hier auf die üblichen Bilder im Internet.

Allerdings entpuppte sich das Wetter als besonders tückisch: Es kam zu mehreren komplizierten Verkehrssituationen, und nicht selten war die Straße zum Nordkap gesperrt. Ich kann nur allen Winter-Reisenden dort Verständnis, Geduld und eine gute Wettervorhersage empfehlen. Und: Auf keinen Fall auf eigene Faust ohne Erfahrung mit dem Auto losbrausen! – Mir wird immer klarer, dass die Helden des Alltags in der Arktis die Bus- und Schneepflugfahrer*innen sind.

Ende Januar sah ich dann die Sonne das erste Mal wieder „live“, und ab Februar geht es dann ganz fix: Die Strahldauer des wärmespendenden Himmelskörpers ändert sich um ca. 15 Minuten pro Tag! Wir fahren jeden Tag das Nordkap rauf und runter, und ab und zu in die Fischerdörfer.

Am 6. Februar besuchen wir den Samischen Feiertag im Nordkapmuseum, mit Vortrag, Musik, Kaffe, Kuchen und „Bidos“, das ist Rentiereintopf. Die Samen sind hier gut sichtbar und auch bei den Touristen populär. Man muss allerdings wissen, dass man an der Küste im Winter keine Rentiere zu sehen bekommt, die sind zu dieser Jahreszeit im Inland.

erstes Mal Sonne, 29.01.25

Anfang März sitzen wir dann das erste Mal in der Sonne auf der Terrasse eines Cafés. Ein denkwürdiger Tag! Die ersten Cruise-Schiffe trudeln ein und wir fahren ein paar Mal auf Nordlicht-Jagd. Obwohl das Wetter miserabel war, haben ich immer Glück.

Und noch einmal zurück zu den Samen: Als Abschluss meies arktischen Abenteuers reise ich nach Karasjok, das als eines der Hauptdörfer der norwegischen Urbevölkerung gilt. Dort steht auch das Samenparlament (das wir nicht besuchen), das wichtige Entscheidungen trifft, die besonders in Finnmark (wo auch das Nordkap liegt) zu spüren sind. Ich gehe das erste Mal über einen richtigen gefrorenen Fluss, der dort als Autobahn für die Schneescooter dient.

Karasjok liegt in der „Finnmarksvidda“, also dem Plateau von Finnmark, dem nördlichsten Regierungsbezirk Norwegens. Dort wird es schon mal – 50° C kalt, was an der Küste (und damit auch dem Nordkap) niemals passiert. Zum Glück bleibt uns das an diesem Tag erspart. Wir trinken Bier in der Natur (illegal) und im Restaurant (legal) und freuen uns an etwas, was wir schon monatelang nicht mehr gesehen haben: Bäume.

Bevor der Sommerrummel losgeht, verdünnisiere ich mich. Ich muss noch etwas erledigen. Wir sehen uns dann in Südnorwegen!

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Von Benjamin

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