Arktischer Alltag

Verrückt der Gedanke, dass auf einem dieser Kreuzfahrtschiffe, die hier fast täglich anlanden, so viele Leute sind wie auf der Insel wohnen. Bis zu 300 000 Touristen zählt das Nordkap jährlich. Also fahren wir Guides täglich in Fischerdörfer, auf Vogelsafaris, zum Frühstück ans Nordkap oder etwa ein paar Königskrabben anschauen – und verköstigen.

Ein besonderer Hingucker sind für die Leute immer wieder die Rentiere. Hier einige besonders schöne Aufnahmen im Nebel:

Diese Tiere laufen hier eben frei herum, werden von zehn samischen Familien betreut und scheren sich einen Dreck um Verkehrsregeln!

Ansonsten sind sie auch sehr interessant: Ihre Haare sind hohl, sie wechseln saisonal die Augenfarbe und müssen ihre Körpertemperatur erst ab -40° C draußen regulieren. Schon die steinzeitlichen Funde von der Insel Magerøya zeigen, dass die Menschen hier vor ca. 6000 Jahren Rentiere gejagt haben. Dieses Tier ist also eine Konstante in der menschlichen Entwicklung. Übrigens sind die ältesten Spuren auf dieser Insel im äußersten Norden 10000 Jahre alt!

Die Tage verfliegen also… a propos verfliegen: Ich mache mehrere Vogelsafaris wöchentlich und deswegen unten noch ein paar Tierfotos, das soll ja im Internet immer gut funktionieren… hier Krähenscharben, Tordalken, Kegelrobben, Seeadler. Finde den Vogel!

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Und die große Frage der ganzen Touristen (und meiner Wenigkeit – das frage ich mich aber auch anderswo…): Warum zum Teufel leben Menschen hier? – Sieben Monate Winter, fünf Monate der Rest!? Seriously?

Die einfache Antwort ist die: weil sie es schon immer gemacht haben. Finnmark, so groß wie Niedersachsen, hat 76000 Einwohner – und 185000 Rentiere. Die oben genannten steinzeitlichen Spuren gehören zu den ältesten in ganz Norwegen. Man hat hier eben gejagt, Wale ausgekocht und – ein prähistorisches Labyrinth gebaut. (Das habe ich allerdings noch nicht erkundet – folgt!)

Dann kamen die Wikinger und wurden reich mit Fischexport und der „Finnensteuer“, also der Steuer, die die Sami in Naturalien yu entrichten hatten. Ab und zu mal zogen die Nordmänner dann nach Osten und plünderten ein wenig in „Bjarmeland“ – wie Russland damals für sie hieß.

Das einzige Mal, dass dieser äußerste Norden strategisches Interesse geweckt hat, war im Zweiten Weltkrieg. Als dieses Interesse erlosch, haben die Deutschen die ganze Provinz ganz einfach niedergebrannt. Deswegen darf bis heute kein Teutone mit Feuerzeug o.ä. einreisen… *zwinkersmiley*

Aber wer weiß, vielleicht tut sich ja politisch noch etwas. Die russische Grenze ist hier näher als die nächste Metropole Tromsø. Die Lage ist angespannt. Es gibt zwar keine nennenswerten Vorfälle, aber Zoll und Sicherheitsbehörden sind hier wohl sehr aktiv.

Wobei: Da gab es doch „Hvaldimir“ in Hammerfest…

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Dann gibt es noch die soziologischen Feinheiten: Die Insel wird langsam von Ausländern eingenommen, weil Fischerei und Tourismus so ein hartes Brot sind.

Und wenn diese Ausländer in einem Wohnheim eingepfercht sind und auf komische Gedanken kommen, dann kann daraus so etwas wie Kunst werden:

Diese Flaschen sind aber nicht etwa einfach auf dem Balkom geblieben, nein, dafür braucht man sogar hier ein Gefrierfach! Denn – es ist Sommer! Auch wenn es nur 15° C sind, beneide ich euch nicht, die ihr in heißen Städten des Südens bratet.

Darauf ein dreifach donnerndes – skål!

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Von Benjamin

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